Manifest

(for English version see below)

MANIFEST ZUR EUROPÄISCHEN SCHRIFTSTELLERKONFERENZ 2014

Europa ist für mich ein Kontinent der Geschichten.
An jedem europäischen Ort – ob im Zentrum oder an der Peripherie – ist die Magie des Erzählens auf andere Weise gegenwärtig.
Das kulturelle Gedächtnis Europas ist der Roman.
Europas Zukunft liegt in der Vorstellungskraft und in der Fantasie.
Michal Hvorecký

Übersetzung: Doris Kouba

Europa ist ein fernes Feld der Wirklichkeit, gläserne Grenze eines Traums – Schachtel in einer Schachtel mit dem Spiegel der Geschichte, Echo meiner ungeborenen Kinder – Zeit in meinem ungebauten Zuhause.
Nikola Madzirov
Übersetzung: Benjamin Langer

Als Kind und junge Frau bedeutete für mich die europäische Literatur „Europa“. Das ideale Europa, das wahre Europa, in dem man glauben konnte trotz der realen Europa des Nazismus und Bolschewismus, ein Europa wo ich tatsachlich lebte. Dichtung war für mich die Wahrheit, trotz aller Realitäten. Das Versprechen einer besseren Welt.
Ágnes Heller

Wir haben aufgehört, einander berührende Geschichten zu erzählen. Stattdessen füttern wir uns und die Welt mit Verschwörungstheorien (die immer von den Großen und Mächtigen handeln, nie vom Kleinen und Menschlichen), mit Sensationslüsternem, mit Krimis und Horrorgeschichten. So laufen wir Gefahr, uns von den innersten europäischen Empfindlichkeiten zu entfernen, zu denen schon immer die Zulässigkeit einander widersprechender Erzählungen, Haltungen und Erinnerungen gehörte und weiterhin gehört. Der Mensch ist ohne den anderen unvollständig.
Leonidas Donskis
Übersetzung: Bettina Seifried

Vielleicht ist das der größte Traum: Ein Kontinent, versöhnt mit sich. Weil jeder Bürger eines jeden Dorfes, einer jeden Provinz, eines jeglichen Landes seinen Frieden gemacht hat mit sich und seiner Geschichte. Und sie erzählt. In seiner Sprache.
Wenn d a s Europa wäre, wie schön wäre das!
Mely Kiyak

Im Jahr 1987, als meine Großmutter, eine einfache Frau aus dem Dorf, krebserkrankt im Bett lag, und ihr nahes Ende spürte, sagte sie plötzlich zu mir. „Wie sehen wohl die Menschen, die in Paris leben, aus? Ich hoffe, du wirst es erleben mein Kind, wenigstens einmal im Leben das große Europa zu sehen. Ich wohl nicht mehr“. Sie beendete das Gespräch so plötzlich, wie sie es angefangen hatte, und verlor sich in Gedanken.
Ich, damals eine 16jährige Gymnasiastin, überrascht und beängstigt von ihren Gedanken, die sie mir so kurz vor dem Ende anvertraute, rührte unendlich weiter den „Qumështor“, bis die sämige Konsistenz des Puddingkuchens nach ihren Anweisungen langsam kochte, und antwortete nicht. In der immer gleich kreisenden weißen Masse versuchte ich dennoch eine Vorstellung von Paris aufzuspüren. Vergebens. Wo ist Europa? Geographisch wusste ich es, trotzdem war es so weit entfernt, wie ein anderer Planet. Ich und viele Albaner hatten nur eine Traumvorstellung davon.
Diese Szene schlummerte lange in meinen Erinnerungen, und acht Jahre später, im Jahr 1995, wurde sie vor einer Passkontrolle lebhaft wach, als ich meinen Pass vorweisen sollte, gut gemustert von dem Beamten, bis er sich sicher war: Kein falscher Pass, kein gekauftes Visum, vom Typ her, keine Gefahr. Vorbei gehen lassen!
Ich spazierte nicht in Paris, wovon meine Großmutter insgeheim geträumt hatte, aber immerhin durch die Straßen einer europäischen Stadt. Und musste nicht zum Vogel werden, um die Grenzen zu überqueren, wie Ismail Kadare schrieb: In einem abgeschotteten Albanien konnten „nur die Vögel die Grenzen überqueren.“ Ich war endlich dort, wovon meine Großmutter im Stillen nur geträumt hat. Benebelt von der Flut der europäischen Eindrücke, von den gleichgültig laufenden Menschen, sauberen Straßen, einer Infrastruktur, die perfekt lief wie eine Schweizer Uhr. Mit Wohlstand prahlend, damals schien er unerschütterlich wie eine Festung. Mich sortierte er lautlos aus, aber unverkennbar. Das ist Europa, atmete ich tief! Ich war eingereist, aber sicher nicht angekommen! So war es damals!
Heute ist dieses Europa für mich eine Realität, täglich erlebbar, aber irgendwie scheint es immer noch ein Traum geblieben zu sein. Besonders in den letzten Jahren. Und nicht nur für mich. Und vielleicht, heute deutlicher denn je!
Lindita Arapi

Europa ist eine Sache der menschlichen Angelegenheiten. Die Zukunft Europas liegt darin, dass wir uns umeinander kümmern, den Schmerz teilen, die Umwelt schützen und aufpassen, dass uns der Kummer des anderen nicht entgeht.
Lal Laleş
Übersetzung: Mely Kiyak

Die Idee Europas – das ist das Mindeste – bezeichnet einen kulturellen und staatsbürgerschaftlichen Zufluchtsort, so wie es für Naturfreunde die Wälder und Seen sind. Diese Zuflucht verspricht Vielfalt, kulturellen Reichtum, sprachliche, ethnische und historische Vielschichtigkeit und eine Zukunftsvision, die – wenn wir Glück haben – vielleicht wirklich zu einem ökologisch bewußten und respektvollen Umgang mit der Umwelt und zu sozialer Gerechtigkeit führt. Ob diese Möglichkeiten nur Idee bleiben, werden wir sehen; ich gehe davon aus, dass jeder existierende Staat korrupt ist. Aber wenn wir uns nicht einmal vorstellen können, dass eine große Idee über die Einzelansprüche eines Staates hinausreichen kann – und über die ihn steuernden Macht- und Finanzinteressen – , dann sind wir dazu verurteilt, unwürdig zu leben, in isolierten, anfälligen und feigen Interessengruppen.
John Burnside
Übersetzung: Bettina Seifried

Allein der Gedanke, dass die Namensgeberin unseres Kontinents aus dem heutigen Syrien entführt wurde, sollte uns Anlass zum Nachdenken geben. Etwa darüber, wie wir hierzulande mit Konflikten und mit ihren Opfern umgehen.

Europa begann mit dem Schwindel und dem Raub eines lüsternen Götterkönigs, kein glücklicher Gründungsmythos. Und gewiss eine Warnung an die allzu Gutgläubigen und Selbstgerechten vor kulturellem Hochmut. Hier begann das helle Nachdenken über den Sinn unserer Existenz, auf diesem Kontinent wurden aber auch mehr finstere Gräueltaten verübt, als Dichter sich erdenken konnten. Das müssen wir als Vermächtnis bewahren.

Der Gedanke an Europa wird das Böse nicht aus der Welt schaffen. Er kann und wird aber jene bestärken, die das Gute zu bewahren versuchen, weil sie wissen, dass man so handeln muss, als ob es möglich wäre, dass man so denken muss, als sei dies ein rationales Problem und dass man so schreiben muss, als wären die Gebote einer Erziehung der Herzen allgemeingültig. Auch das ist eine europäische Tradition, recht besehen ist sie die Allerbeste.
Tilman Spengler

Bedeutete das europäische Projekt für meine Generation die Öffnung der Grenzen, den Abbruch der Mauern, die Ausweitung der Welt, also die Freiheit, dann ist der Nationalismus nichts anderes als eine freiwillige Rückkehr in die Unfreiheit.
György Dalos

Meine frühe Europa-Erfahrung – langes Warten an den Grenzen;
meine neue Erfahrung – die Grenzen sind offen, aber Europa ist begrenzt.
Maja Haderlap

Europa sollte ein sicheres Zuhause für alle Europäer sein und nicht das sadistische Werkzeug der Reichen und Mächtigen, um (wirtschaftlich) schwächeren Staaten unerfüllbare Pflichten und Normen aufzuerlegen; auch sollte Europa nie vergessen, dass es nicht ein Land der Fantasie (einiger Weniger) ist, sondern ein Kontinent.
Vladimir Arsenijević
Übersetzung: Bettina Seifried

Europa besteht aus zwei Kategorien von Staaten: die Kleinen, und die, die immer noch nicht verstanden haben, dass sie klein sind. Und nur gemeinsam werden sie grösser sein können als sie tatsächlich sind.
Richard Swartz

Europa. Soviel Gerede, so viele vergeudete Worte, Vereinbarungen, Rechtssprechungen, Sparpakete … Niemand erinnert sich mehr an die Ideen, die Altiero Spinelli und Jean Monnet inspirierten und den Grundstein legten für die Römischen Verträge, für ein unabhängiges Europa, das sich auf gemeinsames Wachstum und Solidarität gründet.
Ich möchte eine Geschichte über Europa zu erzählen, die diese fragile Union veranschaulicht, eine Union, die zum Scheitern verurteilt zu sein scheint. Unmittelbar nach dem Bürgerkrieg gaben im wirtschaftlich zerstörten und politisch unterdrückten Griechenland einige Eltern ihren Töchtern Namen, in denen sich ihre unerfüllten Wünsche, verletzten Gefühle oder ihre Hoffnungen ausdrückten. Wäre es möglich gewesen, die Welt zu verändern, wären sie dazu bereit gewesen, sei es auch nur mithilfe eines Namens. So tauchten zwischen den wenigen Musen – Kalliope, Melpomene – und vielen Marias auch einige kleine Laokratias (Volksherrschaft) und Eleftherias (Freiheit) auf.
Jahre später kam in der Grundschule in Patras eine neue Mitschülerin in meine Klasse, ein dünnes, dunkelhäutiges Mädchen. Die anderen Kinder machten sich über ihren Namen lustig – sie hieß Europa. Ihre Familie hatte zweimal die Grenze überquert, ihr Leben war also zweifach stigmatisiert – zunächst als Exilanten in Bulgarien nach dem Bürgerkrieg und dann als Flüchtlinge in ihrem eigenen Land. Wer weiß, welche Träume ihre Eltern hatten, als sie ihr diesen Namen gaben? Das frage ich mich noch immer.
Ersi Sotiropoulos
Übersetzung: Doris Wille

„Europa“ entstand aus dem tiefen Bedürfnis heraus, das furchtbare Blutvergießen und die Menschenmassaker der beiden Weltkriege nie wieder zuzulassen – und das sollte auch weiterhin das Licht bleiben, unter dem Europa steht.
Anneke Brassinga
Übersetzung: Bettina Seifried

Was die Menschen in ihren eigenen Ländern verloren haben, durch Armut, Benachteiligung oder ein undemokratisches System, das erhoffen sie in Europa wieder zu erlangen. Europa ist der letzte Treffpunkt für diese Menschen.
Şeyhmus Diken
Übersetzung: Hüseyin Yildiz

Für eine Zukunft in Europa musste mein Vater einen Fragebogen beantworten.
Ankunftsdatum in Frankreich, mit oder ohne Erlaubnis:
7.IV.1959, ohne Erlaubnis.
Ursprünglicher Beruf:
Autoelektriker, Chauffeur.
Sprachkenntnisse (Muttersprache unterstreichen):
Warum sind Sie nach Frankreich gekommen?
Hier befindet sich mein Bruder, dies ist ein entwickeltes Land, und ich hoffe, dass Sie mir erlauben, auch hierbleiben zu können.
Unter welchen Voraussetzungen (Arbeitserlaubnis, illegal, Passierschein)?
Warum möchten Sie nicht in Ihre Heimat zurückkehren?
Aufgrund der jugoslawischen kommunistischen Politik.
Welche persönlichen Dokumente besitzen Sie?
Den jugoslawischen internationalen Führerschein.
Kurze Zeit später bekam mein Vater politisches Asyl in Frankreich. Arbeitete auf einem Schrottplatz und in einer Schlachterei. Verliebte sich in eine Deutsche, ging nach Deutschland, wurde Vater, Deutscher, Flugzeugtechniker im Auslandsdienst der Lufthansa. Sein Sohn wuchs in Jugoslawien, Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf, als erster in der Familie studierte er und ist mittlerweile selbst Vater zweier Söhne, die Ljubic heißen und in Berlin geboren wurden. Es sind solche Geschichten, die Europa ausmachen. Geschichten von Flucht und Zuflucht, von Möglichkeiten und dem Glauben an die Möglichkeiten. Europa muss offen bleiben für solche Geschichten, sonst verliert es seine Identität.
Nicol Ljubić

Europa ist ein Geschick.
Eine Insel, wo man uns verlassen hat.
Man stirbt immer noch für Europa, auf der Insel, die niemand sieht.
Alhierd Bacharevič

So stelle ich mir Europa vor: Es gibt eine Partitur, die besteht aus der Verfassung, aus den festgeschriebenen Gesetzen und Rechten, es gibt eine Geschichte, aber sie ist nicht abgeschlossen, und es steht nicht geschrieben, wer sie aufführt. Wie dieses Europa klingt, wird sich ändern, je nachdem, welche Instrumente es aufführen, und doch wird es immer der Klang Europas bleiben.
Carolin Emcke

Mit Europa assoziiere ich zunächst den geografischen Raum, den ich aus dem Schulatlas kenne. Aber viel wichtiger ist Europa als ein großer Kulturraum mit seinen ähnlichen oder verschiedenen Sprachen, mit ähnlichen oder verschiedenen Gebräuchen, Mythen und Erzählungen. Heute ist der Begriff Europa verbunden mit der Europäischen Union, und der gegenüber stehen wir vom Balkan auf der ärmeren Seite der mit Stacheldraht gesicherten Grenze. Für uns stellt die Idee des vereinten Europa eine Art Himmel auf Erden dar. Bis vor kurzem brauchten wir Visa, um dieses Paradies zu betreten, jetzt sind wir davon befreit, insofern sollten wir uns wohl glücklich schätzen, dass wir von drittklassigen zu zweitklassigen Europäern aufgestiegen sind. Meine primäre Identität ist die eines Balkanesen, und wenn die Teil der europäischen Identität sein sollte, dann bin ich auch Europäer.
Faruk Šehić
Übersetzung: Brigitte Döbert

Man kann nicht vom Niedergang Europas reden, solange sich Europa noch Menschen rühmen kann, die bereit sind, für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu sterben, wie es in diesem Winter auf dem Maidan in Kiew geschah.
Oksana Sabuschko
Übersetzung: Bettina Seifried

Europa – das ist der russische Mythos vom menschlichen Leben.
Michail Schischkin

Europa
Du zielst auf das sarkastische Antlitz der Wintersonne
und schießt. Seit so vielen Monaten regnet es nicht – hast du es bemerkt?
Selbst der Himmel gibt dich auf. Und dennoch schießt du, kannst nur schießen.
Du täuscht dich, Europa. Bist alt geworden und hast deine Demut verloren.
Du schießt weder auf den Sarkasmus noch auf den Winter,
nicht einmal auf das Unglaubliche, auf die Verzweiflung.
Du schießt aufs Licht.
Du kannst uns alles entgegenschleudern, Europa: Bomben, Worte, Bilanzen.
Du kannst uns sogar einen Abgeordneten entgegenschleudern, ein Gipfeltreffen.
Aber deine Kinder wollen keine Krawatten. Deine Kinder wollen Frieden.
Deine Kinder wollen nicht, dass du ihnen Suppe vorsetzt. Deine Kinder wollen arbeiten.
Seit so vielen Monaten regnet es nicht – hast du es bemerkt?
Die Erde ist trocken. Nicht einmal Arm in Arm mit der Erde gelingt es uns einzuschlafen.
Während ich dir schreibe, rechnest du weiter ab, Europa.
Wer schuldet. Wer leiht. Wer zahlt.
Aber deine Kinder haben Hunger, sind müde. Deine Kinder haben Angst vorm Dunkeln.
Du musst deinen Kindern ein Lied singen, damit sie einschlafen können.
Ich habe an dich geglaubt, und du hast meine Zukunft und die meiner Geschwister geraubt.
Wenn wir schweigen, Europa, dann nur weil wir, im Gegensatz zu dir,
nicht schießen wollen.
Filipa Leal
Übersetzung: Timo Berger

Europa beginnt dort, wo der Menschenhandel aufhört.
Europa beginnt, wenn Ost und West, Süd und Nord bloß noch die Himmelsrichtung anzeigen.
Europa beginnt, wenn Hautfarbe und Geschlecht nichts sind als fliessende Attribute der Schönheit, wie Augenfarbe, wie Haar.
Europa beginnt dort, wo unsere Vorurteile enden.
Antje Rávic Strubel

Fuck you, Europa
Europa – American Dream
Europa – Freiheit auf Raten
Nicoleta Esinencu

Was Europa nie werden sollte: ein warmes und gemütliches Museum aufgegebener europäischer Werte.
Andrej Nikolaidis
Übersetzung: Brigitte Döbert

Um wieder aufregend zu sein, muss Europa subversiv werden…
Florence Noiville
Übersetzung: Samir Sellami

Europa stellt heute ein einzigartiges Zivilisationsmodell dar, das in großen Teilen der außereuropäischen Welt Anerkennung und Bewunderung genießt. Aber die Strahlkraft, die das europäische Modell für viele Schwellenländer hat, wird in Europa selbst kaum wahrgenommen. Sind die Europäer dabei, das Projekt Europa und die Hoffnungen, die es weckt, aus Desinteresse, Egoismus und Weltvergessenheit zu verspielen?
Peter Schneider

Die Frage heute lautet, ob wir dem europäischen Projekt eine Zukunft und den Menschen Hoffnung geben können. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war das europäische Projekt auf die Vergangenheit gerichtet, es ging darum, neue Kriege auf dem Kontinent zu verhindern. In einer zweiten Phase galt das Gedächtnis Europas als Rechtfertigung für eine liberale Wende.

Auf diesem Weg hat die Europäische Union die meisten der Ideale verraten, für die sie erdacht wurde. Für das 21. Jahrhundert müssen wir diese Ideale neu formulieren: die Würde des Menschen, soziale Gerechtigkeit, Demokratie, indem wir eine Pädagogik und eine Schule des politischen Denkens schaffen, die unsere Kinder darauf vorbereiten, einen Raum jenseits von Identität, Nationalität und sprachlichen Unterschieden zu bewohnen. Nur wenn wir das „nomadische Europa“, das „kosmopolitische und intellektuelle Europa“ und das „Europa eines sozialen und ökologischen Aufbegehrens“ miteinander verbinden, wird es uns gelingen, dem europäischen Gedanken wieder Hoffnung zu geben. Dafür lohnt es sich zu kämpfen; ob innerhalb oder außerhalb der europäischen Institutionen.
Camille de Toledo
Übersetzung: Samir Sellami

Europa ist der reiche Onkel aus Berlin und die hübsche Tante aus Frankreich. Europa ist der exzentrische Cousin aus Amsterdam. Europa bleibt bis zum Beweis des Gegenteils (meist in der privaten Beziehung) ein Stereotyp. Die Mitte Europas liegt in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, auf der Krim und in der Ukraine.
Ivana Simić Bodrožić
Übersetzung: Brigitte Döbert

Europa kann man nur von jenseits des Ozeans aus sehen. Von Peking, Buenos Aires und Kinshasa aus sieht man es gut. Aber man kann Europa nicht von Berlin, Ljubljana, Odessa oder Sarajevo aus sehen, weil zuviel Deutschland, Slowenien, zuviel Ukraine und Bosnien im Weg stehen. Deshalb haben die Leute in Europa nicht die geringste Ahnung davon, wie Europa aussieht. Sie wissen nicht, wo es anfängt oder aufhört, sie wissen nicht, wer diese berühmten Europäer sind, wie sie sind oder wie sie sein sollten. Und deshalb ist Europa immer noch Europas größtes Geheimnis.
Goran Vojnovic
Übersetzung: Ann Catrin Apstein-Müller

Liebe Welt,
Küsse einen Europäer;
Die brauchen das.

Liebes Europa,
Küsse die Welt;
Du brauchst es.

Janne Teller
Übersetzung: Bettina Seifried

Veröffentlicht am 8. Mai im Deutschen Theater Berlin im Rahmen der Langen Nacht der Europäischen Literatur.


MANIFESTO FOR THE EUROPEAN WRITERS‘ CONFERENCE 2014

For me, Europe is a continent of stories.
Every place, in the center as well as at the peripheries, the magic of storytelling is present in different ways.
The novel is Europe’s collective memory.
Its future is its own fantasy and imagination.
Michal Hvorecký
Translation: Zaia Alexander, Doris Kouba

Europe is a solitary field of reality, a glass boundary of dream – box inside a box through the mirror of history, echo of my unborn children – time inside my unbuilt home.
Nikola Madzirov
Translation: Zaia Alexander, Benjamin Langer

As a child and young woman, “Europe” meant European literature to me. The ideal Europe, the real Europe one could believe in, despite the real Europe of Nazism and Bolshevism, a Europe I actually lived in. For me, poetry was truth, despite all the realities. The promise of a better world.
Ágnes Heller
Translation: Zaia Alexander

We stopped telling moving stories to each other. Instead, we nourish ourselves and the world around us with conspiracy theories (which are always about the big and powerful, instead of the small and humane), sensationalist stuff, and crime or horror stories. In doing so, we are at the peril of stepping away from inmost European sensibilities, one of which has always been and continues to be the legitimacy of opposing narratives, attitudes, and memories. Human beings are incomplete without one another.
Leonidas Donskis

Maybe that’s the biggest dream: a continent reconciled with itself, because every citizen of every village, in every province, in every country has made ​​peace with itself and its history. And tells it. In its own language.
If t h a t would be Europe, how nice that would be!
Mely Kiyak
Translation: Zaia Alexander

In 1987, when my grandmother, a simple woman from the village, was lying sick in bed with cancer, and felt her time was coming to an end, she suddenly said to me. “What do people in Paris look like? I hope, my child, at least once in your life you will be able to see grand Europe. I probably never will.” She ended the conversation as suddenly as she had started it and became absorbed in her thoughts.
At that time, I was a 16-year-old high school student, surprised and frightened by her thoughts that she had confided to me so close to the end, I continued stirring the “Qumështor,” until the creamy pudding cake slowly began to boil, and did not answer. In the circling white mass, I tried to create a picture of ​​Paris in my mind. In vain. Where is Europe? Geographically, I knew it, yet it was as far away as a different planet. I, and many Albanians, could only dream of it.
This scene slumbered long in my memory, and eight years later, in 1995, it was vividly reawakened at the passport control, where I had to show my passport. It was being carefully scrutinized by the officer, until he was convinced it was: no false passport, no bought visa, not a dangerous guy. Go ahead!
I did not walk in the Paris my grandmother had secretly dreamed of, but at least I wandered the streets of a European city. And I did not have to transform into a bird to cross the border as Ismail Kadare wrote, where in a sealed off Albania, “…only the birds cross the borders.” I had finally made it to the place my grandmother only silently had dreamed of. Bemused by the flood of European impressions, by the indifferent people running around, clean streets, an infrastructure that worked perfectly like a Swiss clock. Ostentatiously affluent, it seemed as unshakable as a fortress. It silently rejected me, but it was unmistakable. This is Europe, I took a deep breath! I had entered, but certainly had not arrived! That’s how it was back then!
Today this Europe is for me a reality that I experience daily, but somehow it seems to have still remained a dream. Especially, in the last few years. And not just for me. And perhaps today more distinctly than ever!
Lindita Arapi
Translation: Zaia Alexander

Europe is a matter of human affairs. The future of Europe lies in taking care of one another, sharing the pain, protecting the environment and making sure we do not neglect each other’s sorrow.
Lal Laleş
Translation: Zaia Alexander

The idea of Europe, at the very least, is for me a form of cultural and civic refuge, just as a forest or a lake might be a refuge to a nature lover. This refuge offers diversity, cultural richesse, linguistic, ethnic and historical complexity, a vision of the future that might, if we are lucky, become truly ecocritical and respectful of the environment and of social justice. Whether these possibilities belong only to an idea remains to be seen, and I take it as given that every actual state is corrupt, but if we fail to imagine ways in which ideas can be made to transcend the interests of actual states – and the financial and power interests who control them – then we condemn ourselves to live without honour, as isolated, contingent and craven interest groups.
John Burnside

The mere thought that our continent’s namesake had been abducted from present-day Syria, should make us pause and reflect on how we, here, deal with conflicts and its victims.
Europe started with the deceit and theft by a lascivious god-king, not a happy founding myth. And it is, also, certainly a warning to the gullible and self-righteous against having cultural arrogance. Lucid contemplation over the meaning of our existence began here on this continent, but it was also here that more sinister atrocities were committed than any poet could imagine. We need to preserve this as our legacy.
The idea of ​​Europe will not rid the world of evil. But it can, and will, encourage those who are trying to preserve what is good, because they know one has to act as if it would be possible; that one must think as if it is a rational problem; and one has to write as though the imperatives of an education of the heart were universally valid. This, too, is a European tradition, seen closely it is the very best.
Tilman Spengler
Translation: Zaia Alexander

If the European project meant the opening of borders for my generation, breaking down the walls, the expansion of the world, i.e. freedom, then nationalism is nothing more than a voluntary return to a lack of freedom.
György Dalos
Translation: Zaia Alexander

My early experience of Europe – a long wait at the borders;
My new experience – the borders are open, but Europe is closed.
Maja Haderlap
Translation: Zaia Alexander

Europe should stand for a safe home for all Europeans rather than being a sadistic tool for imposing unachievable standards and tasks by the rich and powerful to (economically) weaker countries; moreover, Europe should never forget that it is not a state of mind (of the few), but a continent.
Vladimir Arsenijević

Europe. So much chatter, so many wasted words, regulations, agreements, memos…nobody seems to remember the ideas that inspired Altiero Spinelli and Jean Monnet and laid the foundation for the Treaty of Rome—the vision of an independent Europe, of solidarity and mutual support.
I have my own story about Europe, one that to my mind is a fitting symbol of this fragile union, a union that seems to have been created only to be betrayed. Right after the Civil War, in a Greece that was devastated and politically oppressed, some parents gave their daughters names that expressed their unfulfilled wishes, their hurt feelings or their hopes. If it was possible to change the world with a name, they were ready to do it. So among a few muses — Calliopi, Melpomeni — and many Marias, there appeared some small Laokratias (People Power) and Eleftherias (Freedom).
Several years later, at my elementary school in Patras, a new student showed up in our class, a dark, skinny girl. All the other kids made fun of her name – ‘Europa’. Her family had crossed the border twice, so they had lived doubly stigmatized lives: first as exiles in Bulgaria after the Civil War and then as refugees in their own country. Who knows what dreams her parents had when they gave her that name? I still wonder.
Ersi Sotiropoulos
Translation: Zaia Alexander, Doris Wille

‚Europe‘ originated from a deep desire to prevent further terrible shedding of blood and slaughter of souls as have been seen in the Great World Wars — and that should remain the light by which it functions.
Anneke Brassinga

What people have lost in their countries due to poverty, discrimination or an undemocratic system, they hope to recover in Europe. Europe is the final frontier for these people.
Şeyhmus Diken
Translation: Zaia Alexander, Hüseyin Yildiz

My father had to answer a questionnaire to have a future in Europe.
Date of arrival in France, with or without permission:
7.IV.1959, without permission.
Original Occupation:
Auto electrician, driver.
Language skills (underline first language):
Why did you come to France?
My brother is here, this is a developed country, and I hope you will allow me to stay here.
Under what conditions (work permit, illegal, pass)?
Why don’t you want to return to your homeland?
Because of the Communist politics in Yugoslavia.
What personal documents do you have?
The Yugoslavian international driving license.
A short time later, my father received political asylum in France. Worked in a junkyard and in a slaughterhouse. Fell in love with a German woman, went to Germany, became a father, German, aircraft technician working abroad for Lufthansa. His son grew up in Yugoslavia, Sweden, Greece, Russia and Germany, was the first in the family to study, and is now a father of two sons born in Berlin and named Ljubić. These are the stories that make Europe what it is today. Stories of escape and asylum, opportunities, and faith in possibilities. Europe must remain open to such stories; otherwise it will lose its identity.
Nicol Ljubić
Translation: Zaia Alexander

Europa is a destiny.
An island where somebody left us.
People still die for Europe on the island that no one sees.
Alhierd Bacharevič
Translation: Zaia Alexander

This is how I imagine Europe: there is a musical score that consists of the Constitution of fundamental laws and rights; there is a story, but it is not complete and it has not been written who performs it. The way this Europe sounds will change, depending on which instruments perform it; and yet it will always remain the sound of Europe.
Carolin Emcke
Translation: Zaia Alexander

My first association with the word Europe is of a geographic area that I knew from the school Atlas. But more importantly, Europe is a large cultural space with similar or different languages, with similar or different customs, myths and stories. Today, the term Europe is associated with the European Union, and we from the Balkans stand across from it on the poorer side with the border secured by a barbed wire. A united Europe represents a kind of heaven on earth for us. Until recently, we needed visas to enter this paradise, now we don’t need one, so we should consider ourselves lucky that we have moved up from third-class to second-class Europeans. My primary identity is that of a Balkan and if part of it should be a European identity, then I am also European.
Faruk Šehić
Translation: Zaia Alexander, Brigitte Döbert

One can’t talk on the decline of Europe until Europe boasts people ready to die for democracy, for rule of law, and for human rights, as it’s been on Kyiv Maidan this winter.
Oksana Sabuschko

Europe – this is the Russian myth of human life.
Michail Schischkin
Translation: Zaia Alexander

EUROPE
You take aim at the sneering face of the winter sun
and you shoot.  It hasn’t rained in months – have you noticed?
Even the skies are giving up on you.  And yet you shoot, that’s all you do.
You’re mistaken, Europe. You’ve grown old ungraciously, you’ve unlearnt humility.
It’s not at the sneer that you shoot, not at the winter,
not even at oddity, or despair.
You shoot at the light.
You can throw anything at our faces, Europe: bombs, words, budgets.
You can even throw a member of parliament, a summit, at our faces.
But your children don’t want neckties.  Your children want peace.
Your children don’t want to be spoon fed. Your children want to work.
It hasn’t rained in months – have you noticed?
The land is dry.  Not even in her embrace can we find rest.
While I’m writing to you, Europe, you’re still into your accountancy.
Who owes. Who lends. Who pays.
But your children are hungry, tired. They feel frightened in the dark.
Your children need you to sing them a lullaby.
I trusted you and you robbed the future from me and my brothers.
If we are silent it’s because, contrary to your gesture, Europe,
we choose not to shoot.
Filipa Leal
Translation: Ana Hudson

Europe begins where human trafficking ends.
Europe begins when East and West, North and South merely refer to points of the compass.
Europe begins when race and gender are nothing but flowing attributes of beauty, like eye color, like hair.
Europe begins where our prejudices end.
Antje Rávic Strubel
Translation: Zaia Alexander

Fuck you, Europa
Europa – American Dream
Europe – freedom in instalments
Nicoleta Esinencu

Here is what Europe should never become: a worm and comfortable museum of abandoned european values.
Andrej Nikolaidis

Europe needs to be subversive for it to be exciting again…
Florence Noiville
Translation: Zaia Alexander, Samir Sellami

Europe today represents a unique model of civilization that enjoys recognition and admiration in large parts of the non-European world. But the charisma that the European model has for many emerging countries is barely perceived in Europe itself. Are Europeans in the process of squandering the European project and the hopes it awakens from a lack of interest, selfishness, and being oblivious to the world around them?
Peter Schneider
Translation: Zaia Alexander

The question, now, is whether we will be able to infuse the European project with hope and give the people a future. Until the end of the 20th century, the European project was mostly turned towards the past as a way of preventing wars on the continent. During the second phase, it used this memory to justify a liberal turn. In the process, the European Union has betrayed many of the ideals for which it was conceived. We have to reformulate those ideals for the 21st century: human dignity, social justice, democracy, and do so by inventing a pedagogic system, a school that teaches political thought to prepare children to inhabit a space beyond identities, nations, and linguistic differences. It means joining forces with a, “migrant Europe”, a “cosmopolitan and intellectual Europe” and a “Europe of social and environmental rage,” these are the steps towards building a new hope. This horizon is worth fighting for, whether inside or outside of the actual European institutions.
Camille de Toledo
Translation: Zaia Alexander, Samir Sellami

Europe is the rich uncle from Berlin and the pretty aunt from France. Europe is the eccentric cousin from Amsterdam. Europe is evidence to the contrary (usually in intimate encounters) a stereotype. The center of Europe is in Bosnia – Herzegovina, Kosovo, the Crimea and Ukraine.
Ivana Simić Bodrožić
Translation: Zaia Alexander, Brigitte Döbert

Europe, you can only see it from across the ocean. You can see Europe clearly from Beijing, Buenos Aires or even Kinshasa. But you can’t see Europe from Berlin, Ljubljana, Odessa or Sarajevo, because there is just too much Germany, Slovenia, Ukraine and Bosnia standing in your way. That is why people in Europe do not have the slightest idea what Europe looks like; they don’t know where it begins or where it ends; they don’t know who these famous Europeans are, or what are they like, or what they are supposed to be. That is why Europe is still Europe’s biggest mystery.
Goran Vojnovic
Translation: Zaia Alexander, Ann Catrin Apstein-Müller

Dear World,
Kiss a European;
They need it.

Dear Europe,
Kiss the world;
You need it.

Janne Teller

Published on 8 May 2014 in the Deutsches Theater Berlin as part of the Long Night of European Literature.